Die doppelte Eingangshypothese des Projekts lautet, dass anthropologisches Wissen von Versuchsanordnungen und Datenerhebungstechniken mitbestimmt ist; und dass literarische Texte diese experimentelle Anthropologie nicht nur simulieren und reflektieren, sondern als Diskurs über Menschenversuche überhaupt erst die kulturhistorische Relevanz des Phänomens lesbar machen. Ziel des Projekt ist es zum einen, die Menschenbilder, die in literarischen Versuchsszenarien impliziert sind und entstehen, vergleichend zu rekonstruieren; zum anderen, die literarischen Techniken dieser Konstruktion von Menschenbildern selbst in den Blick zu nehmen und literaturgeschichtlich einzuordnen. Zu klären ist hierfür zunächst das Verhältnis zwischen einer technisch-experimentellen Methodik und der Tradition eines idealistischen, 'a-technischen' Menschenbilds. In der Folge ist zu fragen, welche literarischen Formbildungen (Gattungen, Narrative, Textsorten) für Menschendaten festzustellen sind und welchen neuen literaturhistorischen Zäsuren aus dieser Feststellung folgen.
Das Projekt versucht demnach den Nachweis zu führen, dass die gegenwärtig so hitzig debattierte Frage nach der biotechnologischen Neudefinition des Menschen in einer kulturhistorischen Tradition steht: des Entwurfs von Menschenbildern im Zusammenhang der experimentellen Beobachtung von Menschen. Im Sinne einer interdisziplinären Kulturgeschichte des Menschenversuchs wird die Projektgruppe diejenigen Aspekte von Humanexperimenten erarbeiten, die das jeweils fachlich intendierte Untersuchungsinteresse der Versuchsanordnungen - Krankheitsursachen, Medikamentenwirkung, Belastbarkeit, Sozialverhalten - selbst überschreiten. Menschenexperimente werden hierzu als eine sowohl individuelle als auch wissenschaftliche und ethische Grenzerfahrung verstanden, anhand derer zugleich anthropologische und ästhetische Probleme diskutiert werden können.
Das Projekt verfolgt damit ein zweifaches Ziel: Inhaltlich fragt es nach den Menschenbildern, die mit den verschiedenen Versuchsanordnungen in Zusammenhang stehen. Das betrifft sowohl die anthropologischen Vorannahmen, die den jeweiligen Experimenten zugrunde liegen, als auch die Kontexte, innerhalb derer die im weitesten Sinne anthropologischen Daten - der Physiologie, der experimentellen und behavioristischen Psychologie, der 'eugenischen' Medizin im Dritten Reich - Verwendung gefunden haben. In beiden Fällen sind es Diskurse - epistemologische, ethische, politische, literarische - die auf diese kulturgeschichtliche Relevanz von Menschenversuchen bei der Kanalisierung einer anthropologischen Semantik und der Bewertung der entsprechenden Leitunterscheidungen (Mensch/Tier, vernünftig/unvernünftig, männlich/weiblich, natürlich/mechanisch, frei/determiniert, normal abweichend) zu untersuchen sein werden. Welche Krisen der anthropologischen und gesellschaftlichen Selbstbeschreibung werden in der Kommunikation über und den Darstellungen von Menschenversuchen sichtbar? Welche Vorstellungen stehen hinter dem Konzept der 'Versuchsperson' im historischen Wandel?
Zu dieser aus Phase I übernommenen Zielsetzung tritt eine neue, komplementäre methodische Aufgabenstellung hinzu: Die Rekonstruktion experimentell generierter Menschenbilder soll nicht nur anhand einer Analyse der Aussagen dieser Diskurse erfolgen, sondern auch die verschiedenen Formen der Darstellung von Menschenversuchen in den Blick nehmen. Wenn Menschenversuche für Versuchspersonen (hinsichtlich ihrer physischen und psychischen Instrumentalisierung), Wissenschaftler (hinsichtlich der Ergründung neuen Wissens) und Ethiker (hinsichtlich der Legitimitätsfrage) eine Grenzerfahrung darstellen, dann folgt daraus, daß Menschenexperimente zu einem Darstellungsproblem führen. Diesem Darstellungsproblem möchte sich die Arbeitsgruppe anhand der beiden zentralen Elemente einer Versuchsanordnung widmen: der Beobachtung und der kausalen Verknüpfung des Beobachteten. Das erste Element hat eine visuelle, das zweite eine narrative Dimension und folglich wird die Arbeitsgruppe nach den filmischen und literarischen Mitteln fragen, mit deren Hilfe Menschenversuche repräsentiert werden. Die Grenzerfahrung des Experiments bringt aus dieser Perspektive weitere Grenzen ins Spiel: Zum einen die Grenze zwischen Sprache und Bild, die auf den Einsatzpunkt von Foucaults Archäologie des ärztlichen Blicks, das Problem der 'Sagbarkeit' des Sichtbaren, verweist (Foucault 1973). Zum anderen, ausgehend von der Realaufzeichnung der Kamera im Unterschied zur diskursiven Transformation von Literatur, die Grenze zwischen Realismus und Vision, die auf die unterschiedlichen schriftlichen wie filmischen Genres der Dokumentation und der Fiktion verweist. Insofern Menschenversuche als Grenzerfahrungen begriffen werden, handelt es sich bei ihrer Repräsentation um Darstellungsversuche, also um den Umgang von Text- und Bildmedien mit dem Problem der 'Undarstellbarkeit' einer Grenzerfahrung. Um ein Beispiel zu nennen: Zur Jahrhundertwende unternimmt der amerikanische Armeearzt Walter Reed auf Kuba Versuche zur Bekämpfung des Gelbfiebers an sich selbst und an fünf weiteren Freiwilligen. Diese Infektionsexperimente sind nicht nur in Reeds Tagebüchern dokumentiert (Altmann 1978: 22ff., Lederer 1995: 19ff., 132), sondern bilden die Grundlage eines Romans von Sinclair Lewis (Arrowsmith, 1925), eines Theaterstücks von Sidney Howard und Paul de Kruif (The Yellow Jack, 1933), das 1938 auch verfilmt wird, sowie eines heroische Gemäldes über große amerikanische Pioniertaten von Dean Cornwell (Conquerors of Yellow Fever, 1941). Wie werden das Bild des heroischen Wissenschaftlers, bakteriologische Details (bei Lewis) und die Leiden der Versuchspersonen jeweils vermittelt? Es geht bei dieser Frage weniger um einen Medienvergleich, als um den wechselseitigen Einfluss, den die Prozesse der Bildfindung wie der Sprachfindung füreinander bedeuten - also etwa auch um die Frage, wie literarische Szenarien von Menschenversuchen in Auseinandersetzung mit bildlichen Repräsentationsformen entstehen.
Die übergeordnete These der Projektgruppe lautet dabei: Menschenversuche werden seit dem 18. Jh. verstärkt zum Element der Wissenschaften vom Leben, weil die sowohl die philosophische Anthropologie als auch die Gesellschaftstheorie ihre normativen Sicherheit verloren haben. Die Ausrichtung an empirischen Datenerhebungen restituiert diese Sicherheit allerdings weniger, als dass sie das Menschenbild der Moderne in der Spannung zwischen ethischen Ansprüchen und wissenschaftlicher Realität, zwischen der Ideologie von Individualität und Autonomie sowie der Praxis statistischer Normalisierung, zwischen Bioethik und Biopolitik, entstehen lässt. Im Versuch, dieser Spannung zwischen dem epistemologischen und anthropologischen Stellenwert von Menschenversuchen sowie der individuellen Grenzerfahrung, die mit ihnen einhergeht, gerecht zu werden, gewinnt literarische und filmische Repräsentationen, Adaptionen und Reflexionen des biopolitischen Experimentaldispositivs der Moderne an Bedeutung.
Durch die doppelte Perspektive auf die Menschenbilder und Darstellungsformen der Versuchsanordnungen mit Menschen zwischen 1750 und 2000 wird eine ausschließlich (bio-)ethische Behandlung des Themas vermieden. Statt dessen kann der ethische Diskurs über Menschenversuche selbst in seiner kulturellen Geformtheit mit untersucht werden. Das heißt jedoch nicht, dass die Projektperspektive die Dimension der Erfahrungen der Opfer ausblenden würde. Eine Kulturgeschichte des Menschenversuchs ist nicht mit einer Relativierung (oder gar 'Ästhetisierung') der ethischen Problematik des Themas zu verwechseln. Das Umgekehrte ist der Fall: Erst die präzise Analyse aller Begleitumstände von Versuchen am Menschen erschließt den Stand der Humanität der jeweiligen Zeit.
Die Aufgabenstellungen und Methoden der Projektgruppe ergeben sich hieraus und bauen wie folgt aufeinander auf:
Insofern die (wissenschaftlichen und anthropologischen) Erkenntnisinteressen ebenso wie die (legitimierenden oder kritischen) Bewertungen im Fall von Menschenexperimenten stets auf rhetorische, narrative oder imaginäre Muster zurückgreifen, untersucht das Projekt seinen Gegenstand unter der Perspektive einer "Poetologie des Wissens, die das Auftauchen neuer Wissensobjekte und Erkenntnisbereiche zugleich als Form ihrer Inszenierung begreift" (Joseph Vogl). Diese sehr allgemeine Metapher der 'Inszenierung' soll allerdings im Rahmen der Projektarbeit in ihren konkreten ästhetischen, textuellen und medialen Dimensionen beschrieben werden. Das Thema 'Menschenversuche' ist für eine derartige Neuperspektivierung der Literaturgeschichte in ihrem wissenschafts-, anthropologie- und mediengeschichtlichen Zusammenhang deshalb so geeignet, weil Menschenversuche stets eine Grenze vermessen, die auch Experimente mit neuen Darstellungsformen notwendig macht.
Die interdisziplinäre Anlage der Projektgruppe erfordert eine entsprechend breit gefächerte Methodik. Hinsichtlich dieser Interdisziplinarität wird die Projektgruppe ebenso auf Luhmanns Systemtheorie zurückgreifen, wie bezüglich der semantikgeschichtlichen Aspekte und der Analyse der Leitunterscheidungen. So präzise die Systemtheorie auf dieser Beobachtungsebene ist, so undeutlich bleibt, nach welchen Kriterien sie ihr Untersuchungsmaterial auswählt. Hierzu ist der Rekurs auf die Diskursanalyse nach Foucault hilfreich. Foucault hat außerdem den für die Themenstellung sehr fruchtbaren Begriff des 'Dispositivs' vorgeschlagen, der eine Untersuchung der Konstellation von technischen Apparaten, wissenschaftlichen Institutionen, politischen Ideologien, medizinischer Praktiken, öffentlichen Diskursen und ihrer literarischen Reflexion erlaubt. Auch dieser Ansatz lässt aber methodische Lücken bestehen: Das betrifft zum einen die Frage der Geschlechterdifferenz, die gegen die geschlechtsneutrale Anthropologie der Biopolitik einzuklagen ist. Des Weiteren erlaubt es Foucaults 'positivistischer' Ansatz nicht, den Prozess der sprachlichen 'Formung' der Diskurse zu rekonstruieren und die Frage nach alternativen - etwa visuellen - Darstellungsweisen zu stellen. Hierzu orientiert sich die Projektarbeit zum einen an dem erwähnten Modell einer 'Poetik des Wissens'. Hinsichtlich der 'Sprachfindung' werden aber auch phänomenologische Untersuchungen zur Erzählbarkeit und Sinnbildung hinzuzuziehen sein. Mit Blick auf seine Filmanalysen möchte sich das Projekt von den gängigen semiotischen, narratologischen und psychoanalytischen Paradigmen distanzieren. Statt dessen soll der Fokus auf dem medialen Eigenwert filmischer - also visuellbildlicher - Repräsentation liegen. Dieser genuin imaginäre Anteil von Repräsentationen von Menschenversuchen ermöglicht es zum einen, die literarischen Sprachfindungsprozesse kontrastiv deutlich zu konturieren. Zum anderen verweist er auch auf einen letzten methodischen Horizont, anhand dessen auch der metaphorische Bildbegriff im Konzept 'Menschenbild' analysiert werden kann: Menschenbilder sollen als Teil desjenigen "kollektiven Imaginären" betrachtet werden, das Cornelius Castoriadis als Grundlage aller konkreten gesellschaftlichen Institutionen und Kommunikationen herausgestellt hat und das sich nicht zuletzt aus filmischen und literarischen Mythenbildungen speist.
Mit Hilfe dieser verschiedenen Ansätze möchte die Arbeitsgruppe den Vorschlag für eine kulturwissenschaftliche Methode machen, die sich zwar aus der gegenwärtigen Debatte in der Literaturwissenschaft speist, dabei aber die Auflösung literarischer Texte in 'kulturelle' Kontexte vermeidet. Es wird immer auch zu fragen sein, welche literarischen Mittel nicht in wissenschaftliche Diskurse eingehen und worin unter Umständen ihr Irritations- oder (im Sinne von Michel Serres) Störungspotential gegenüber dem wissenschaftlichen Weltbild liegt. Entscheidend ist auch, dass die kulturhistorische und wissenspoetologische Methode der Arbeitsgruppe nicht von einem wechselseitigen Abbildungsverhältnis zwischen Wissenschafts-, Literatur- und Filmgeschichte ausgeht, sondern am Eigenwert der jeweiligen Medien- und Darstellungsform interessiert ist (Präzision vs. Abstraktion in der Wissenschaft, Anschaulichkeit vs. Illusion im Film, Authentizität vs. Fiktion in der Literatur).
Die kulturelle Dimension einer solchen Kulturgeschichte ist darin zu sehen, dass geschichtliche Quellen und Praktiken als interpretationsfähige und -bedürftige Einheiten betrachtet werden, die sich auf Selbstverständigungsdiskurse oder das kollektive Imaginäre einer bestimmten Epoche hin befragen lassen. Ihre historische Dimension liegt in dem, was Foucault als 'Genealogie' bezeichnet hat, d.h. eine auf Diskontinuitäten abhebende, ideologiekritische Nachzeichnung der Herkunft von Denksystemen. Das Verhältnis von Wissenschafts-, Gesellschafts-, Kultur- und Literaturgeschichte wird von dem Projekt weder auf Kausalbeziehungen befragt noch in ein Abbild- oder Kommentarverhältnis gerückt, sondern als Ort einer Koevolution und gemeinsamen Codierung von Menschenwissen betrachtet.
Um den Vergleich der verschiedenen Begleitumstände, Reaktionsweisen und Nebeneffekte von Menschenexperimenten angemessen leisten zu können, ist das Projekt auf diese sowohl inhaltliche als auch methodisch interdisziplinäre Perspektive und eine entsprechend kompetent zusammengesetzte Arbeitsgruppe angewiesen. Die Einsicht in die fachübergreifenden Zusammenhänge der Problemstellung ist nur möglich, wenn die relevanten inhaltlichen und methodischen Aspekte zugleich jeweils fachlich präzise in den Blick genommen werden. Interdisziplinarität ist im Falle einer Kulturgeschichte des Menschenexperiments nicht bloß als vergleichender oder ergänzender Zugriff zu verstehen. Wenn die Annahme richtig ist, dass Menschenversuche stets für mehrere Wissensfelder relevant sind und von anderen Voraussetzungen abhängen, als denjenigen, die der naturwissenschaftliche Rahmen selbst kontrollieren kann, dann stellen sie ein Thema dar, das von sich her Interdisziplinarität generiert. 'Menschenversuche' sind kein einfacher Gegenstand, sondern ein thematischer Komplex, der erst durch die Kombination verschiedener Fachzugriffe konstituiert wird. In diesem Sinne soll die fachliche Zusammensetzung der Arbeitsgruppe ihrem Thema nicht nur gerecht werden, sondern es in seiner wissenschaftshistorischen, ästhetischen, poetischen, anthropologischen, diskurshistorischen, ethischen und gesellschaftstheoretischen Dimension überhaupt sichtbar machen.
Aus diesem Grund besteht die Arbeitsgruppe aus vier eigenständigen, interdisziplinär angelegten und miteinander vernetzten Teilprojekte beantragt. Sie tragen - jedes aus seinem Bereich - die zentralen inhaltlichen Schwerpunkte des Themas zwischen dem 18. und 20. Jh. zusammen: den Zusammenhang der historischen Anthropologie mit literarischen Szenarien und Fallgeschichten seit dem 18. Jh., die Vivisektionsdebatte im Kontext physiologischer Tier- und Menschenversuche im 19. Jh., den rassistischen und eugenischen Kontext dieser Praktiken in der ersten Hälfte sowie die ideologischen und machtpolitischen Zusammenhänge der experimentellen Psychologie in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. Sie ergänzen sich aber zugleich systematisch, insofern jedes der Teilprojekte einen anderen Aspekt der Anthropologie in den Blick nimmt: die Relation zwischen ganzheitlichem Anspruch und experimenteller Zerstückelung von Menschenbildern, den Stellenwert von Körpererfahrung, die Funktion gesellschaftlicher Normalisierung und politischer Instrumentalisierung sowie den Widerstreit zwischen Autonomie und Fremdbestimmung. Darüber hinaus sind sie methodisch durch die gemeinsame Frage nach der Darstellbarkeit der jeweiligen Versuchsanordnung vernetzt und durch das entsprechende gemeinsame Forschungsprojekt der Arbeitsgruppe auch unmittelbar in eine kooperative Projektarbeit eingebunden.