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16.01.2019 - Anja Lemke (Köln): Vermögen und Kontingenz. Formungen des Möglichen im Roman um 1800.

Vortrag des Bonner literatur- und kulturwissenschaftlichen Kolloquiums

Kurzübersicht
Art des Termins
  • Vortrag
Wann 16.01.2019
von 18:00 bis 20:00
Wo HS IV
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Möglichkeitsdenken ist seit der Aristotelischen Unterscheidung von energeia und dynamis genuin Formdenken (Form haben/sein und in Form kommen/Form in Potenz sein). Die Moderne zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sich dieses Formdenken in Richtung auf das Moment der dynamis im Sinne prozessualer Offenheit verschiebt. Unter den Bedingungen der Verzeitlichung von Geschichte und der Funktionalisierung von Gesellschaft werden stabile Wirklichkeitsentwürfe im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts zunehmend prekär, an die Stelle kosmologischer Weltentwürfe, treten Kontingenzerfahrungen, auf die mit gesteigerter Kommunikation über Zufall, Kontingenz, Potentialität und Probabilität sowie der Produktion von Ordnungs- und Steuerungswissen reagiert wird. Literatur als Ort des Entwurfs fiktiver Wirklichkeiten stellt eine bevorzugte Form dieser Kommunikation dar, wobei insbesondere der Roman, den seine eigene Formlosigkeit zur Reflexion über die Gesetze von Formierungsprozessen zwingt, sich als die Gattung erweist, die Kontingenzerfahrung auf vielfältige Weise beobachtbar zu machen vermag. Die These des Projekts, das ich im Bonner Forschungskolloquium gerne diskutieren möchte, ist, dass dies im Roman um 1800 durch zwei gegenläufige Bewegungen geschieht: zum einen durch Rekurs auf das Darzustellende, indem der Roman die Dynamik der vermögenspsychologisch motivierten Perfektibilität individuellen Lebens zum Strukturprinzip der Gattung macht (im klassischen Bildungsroman), zum anderen durch eine Potenzierung der Darstellung, indem die Formierung der Formlosigkeit als Strukturprinzip der Gattung zum Modell für gesellschaftliche Kommunikation wird (Roman in der Romantik).

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