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Forschungsprofil Form und Kultur

Das Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft ist eines von zehn Instituten der Philosophischen Fakultät. Die verschiedenen Abteilungen des Institutes (Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Ältere deutsche Literaturwissenschaft, diachrone und synchrone Sprachwissenschaft, Komparatistik und Skandinavistik) definieren sich übergreifend durch den für Forschung und Lehre zentralen Zusammenhang von ›Form und Kultur‹.

Mit diesem Themenfeld knüpfen wir einerseits unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen und unterschiedlichen methodischen Prämissen an die formtheoretischen Traditionen der Bonner Germanistik (wie Günther Müller, Oskar Walzel) an; andererseits versuchen wir mit ›Form‹ einem geisteswissenschaftlichen Grundbegriff Rechnung zu tragen, der im Gefolge der Postmoderne bzw. poststrukturalistisch inspirierter Methodendiskussionen weitgehend verschwand, in jüngerer Zeit auf dem Weg konstruktivistischer Epistemologien und der damit verbundenen Komplexitätstheorien aber eine neuerliche und intensive Konjunktur erlebt.

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Der sprach-, literatur- und kulturwissenschaftliche Einsatz des Forschungs- und Lehrprofils ›Form und Kultur‹ beruht auf der Überzeugung, dass der Bedeutungshorizont ›Kultur‹ nicht einfach gegeben ist, sondern sich erst in der Differenz und Vielfalt seiner Formen konstituiert: vom ästhetischen Artefakt und den modernen Designobjekten bis zur Gestaltung sozialer Räume, der Erzeugung von Wissensobjekten und der Genese sozialer Institutionen. Formen machen soziale Sachverhalte erst erkennbar und adressierbar: Das ›Soziale‹ ist uns immer nur in der ›Form des Sozialen‹ gegenwärtig, und in dieser Hinsicht lässt sich das ›Soziale‹ auch immer als Form beobachten.

Unter diesen Voraussetzungen kommt es darauf an, den Grundbegriff ›Form‹ in doppelter Perspektivik zu betrachten: Einerseits gehört er in das angestammte Feld seiner literarisch-ästhetischen Bestimmungen und der mit ihnen verbundenen analytischen Potenziale. Andererseits kann er aber auch fruchtbar gemacht werden für eine Beschreibung sozialer Prozesse und kultureller Bedeutungspraktiken – etwa hinsichtlich der Genese von Wissen oder der Entstehung von sozialen oder sprachlichen Ordnungen, die ihre Kontingenz nur Kraft ihrer formalen Operationen bewältigen. Ist mit dem ersten Aspekt das breite Feld jüngerer ästhetischer und ästhetikgeschichtlicher Reflexionen genannt, zielt der zweite auf den Bereich der kulturellen Semiose im Ganzen. Schließlich verstrickt der Form-Begriff alle mit ihm operierenden Disziplinen in ein reflexives Selbstverhältnis, weil er ihnen einerseits als historisches Phänomen ihrer Beobachtung, d.h. objektsprachlich gegeben ist, andererseits zugleich aber tief in die methodologischen Prämissen ihrer eigenen Beobachtungssprache hineinreicht.

Gemäß der Bedeutung, die insbesondere auch medientheoretische Fragestellungen im Verbund der Abteilungen besitzen und die folglich ein integrales Element unseres Selbstverständnisses als Institut bilden, betont das Profil ›Form und Kultur‹ nicht zuletzt den Zusammenhang von Medium und Form bzw. von Medien und Formen. Dabei zielen die kulturwissenschaftlichen Rahmenannahmen des Profils nicht darauf, einen älteren Affekt fortzusetzen, also den Medien- durch den Kulturbegriff normativ zu diskreditieren. Vielmehr geht es um Fragestellungen, die im Beziehungs- und Spannungsfeld der drei Begriffe ›Form – Medien – Kultur‹ anzusetzen sind. Darunter wäre zu fassen: Erstens die grundlegende Einsicht, dass die moderne Lebenswelt in all ihren Funktionsbereichen von medial produzierten Objekten geprägt ist, wobei die soziale Wahrnehmbarkeit dieser medialen Artefakte von den Differenzen abhängt, die sie als geformte Artefakte sichtbar machen. Zweitens das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Medien, die sich in intermedialen und inframedialen Konstellationen ergeben. Drittens geht es schließlich um neue Herausforderungen, die sich überlieferten ebenso wie jüngeren Vorstellungen von Form durch dynamische Prozessualität laufend transformierbarer Datenströme, virtuelle Realitäten und flüchtige ästhetische Emergenzen stellen.

Die im Institut angesiedelte thematische, historische und disziplinäre Breite wird als Chance begriffen, auf einen vorab festgelegten Formbegriff verzichten zu können. Die Hinsicht auf ›Form und Kultur‹ ist hinreichend offen, um die unterschiedlichen literatur-, sprach- und medienwissenschaftlichen Interessen zu bündeln, gleichwohl spezifisch genug, um einen Horizont verwandter Fragestellungen zu etablieren, der die Einzelforschung auf einander beziehbar macht. Insofern fungiert die Relation ›Form und Kultur‹ als Dach für einzelne historische Konstellationen und systematische Perspektivierungen des Formbegriffs. Jenseits der disziplinären Aufteilung lassen sich jedoch drei Rahmenperspektiven und Schwerpunktsetzungen unterscheiden. 

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19.09.2011 18:12
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