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Habilitationsprojekt

Milieu und Medium. Zum Regime der Erdatmosphäre in Stifters Prosa

Seit sich in den 1770er Jahren die vergleichsweise junge Experimentalwissenschaft der Meteorologie in Europa zu etablieren beginnt und öffentliche Ballonfahrten Aufsehen erregen, avanciert die globale „Lufthülle“ – die von alters her als Zwischen- und Mittlerzone zwischen Irdischem und Überirdischem gilt und im Alten Testament den Schleier um die Erscheinung Gottes legt – zu einem Objekt unsicheren Wissens: In frühen klimatologischen und ökologischen Überlegungen bestimmen etwa Herder und Alexander von Humboldt das „Luftmeer“, das Jean Pauls Giannozzo durchschifft, als Lebensbedingung des Menschen; nach Maßgabe der Wolken-Klassifikation von Luke Howard und in Anknüpfung auch an Aspekte der eigenen Farbenlehre schließt Goethe seine naturwissenschaftlichen Arbeiten mit einer Wolken- und Witterungslehre ab; im Laufe des 19. Jahrhunderts verlegt sich neben der Physik auch die Malerei verstärkt auf die flüchtigen, diffusen Phänomene innerhalb der Erdatmosphäre, und namentlich John Constable und William Turner betreiben Malerei als Versichtbarung atmosphärischer und thermodynamischer Prozesse.

Aus diesen Entwicklungen, die Wissenschaft und Ästhetik in ein unlösliches Wechselverhältnis setzen, hat kein anderer deutschsprachiger Autor vergleichsweise radikale poetologische, ästhetische, erkenntnistheoretische und erzählstrategische Konsequenzen gezogen wie Adalbert Stifter, der als ausgebildeter Physiker und praktizierender Maler mit Affinität zu den alttestamentlichen Geschichts- und Prophetenbüchern in seinem Erzählwerk und seiner essayistischen Prosa entsprechend vielfältige Zugangsweisen zur Erdatmosphäre eröffnet. Die naturwissenschaftlich geschulte ästhetische Beschreibung und der dramaturgische Einsatz von (Un-)Wetter in seinen Erzählungen verweisen auf einen weit komplexeren anthropologischen, epistemologischen und poetologischen Stellenwert des Meteorologischen in Stifters Werk, der bislang noch nicht systematisch untersucht worden ist. In dieser Zielsetzung betreibt das Projekt die wissensgeschichtlich informierte poetologische Analyse der Schlüsselfunktionen, die die Atmosphäre und die Meteorologie – umfassend verstanden als Lehre von den Prozessen und Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Erdatmosphäre, von Klima, Wetter und Witterung sowie von buchstäblich schwebenden sublunaren Himmels- und Lufterscheinungen – in dem Struktur- und Ordnungsgefüge von Stifters erzählerischem und sprachlichem Kosmos innehaben.

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