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Deformation – Information –Transformation: Kinematographische Form in einer Kultur als Chronotopos

Prof. Dr. Michael Wetzel

Ausgehend von Henri Bergsons Bemerkung, dass es "keine Form" gebe, "da Form ein Unbewegtes ist, Wirklichkeit aber Bewegung", real also nur "kontinuierliche Formveränderung", Form dagegen "nur eine von einem Sich-Wandeln genommene Momentanaufnahme" sei, soll die hier gebrauchte photographische Metaphorik weitergedacht werden und das Konzept der Form in seiner "instantanéité", d. h. seiner bildtechnischen Arretierung problematisiert werden, um demgegenüber nach der Möglichkeit eines bewegten, dem Wandel und Werden entsprechenden Formbegriff, also einer entsprechenden kinematographischen Form zu fragen. Im Zentrum des Interesses soll also weniger die Leistungskraft der Form als konstitutiver oder regulativer Kulturfaktor stehen aber auch keine Ablehnung der Artefakte 'geformter Welt' als erstarrte Schablonen, sondern eine Konzentration auf das Spannungsverhältnis zwischen Form als Repräsentation und Form als Prozeß. Die Orientierung an einem dynamischen Kulturbegriff wird natürlich die Momente der Ent- oder Umformung stärker betonen, ohne eine ursprüngliche Formlosigkeit des Geformten zu unterstellen.

Lohnenswert wäre in diesem Zusammenhang auch das Wiederaufgreifen der Auseinandersetzung von Merleau-Ponty mit Malraux's Konzept der "kohärenten Verformung" als stilbildende Be-deutung qua Abweichung von vertrauten Normen , ein für Malraux in jedem kreativen Akt zum Ausdruck kommender "volonté de transformer (la signification du monde)" , der von Merleau-Ponty als Eröffnung einer "Dimension" verstanden wird. Damit ergäben sich zugleich Anschlussmöglichkeiten an den Berliner Forschungszusammenhang "Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste", der ebenfalls einen Schwerpunkt "Form" hat und der stark die Komplementarität von Singularität und Dynamik, von Gestalt und "Transformation von Formlosen in Form" als "Temporalisierung der Form" durch Bewegungsformen und Rhythmisierungen betont. Dieser temporalontologische Aspekt einer Dynamisierung des Formbegriffs führt wieder zurück zu Bergsons Ausgangsproblem, ohne dass diese Dimension der Fragestellung von den Berlinern gesehen würde. Er lässt sich auch mit dem in Deutschland kaum rezipierten Ansatz von Yve-Alain Bois und Rosalind Krauss verbinden, die Batailles Konzept des "informe" nicht zuletzt in der Doppeldeutigkeit von Un- und Information durchgespielt haben.

Eine andere Vorstellung von Formation wird damit denkbar, die sich im Horizont einer Raum-Zeitlichkeit des Werdens im Sinne Bergsons abzeichnet, sich in ihn einschreibt und die Wegmarken punktiert. Der Begriff des "Chronotopos" wurde erstmalig von Bachtin geprägt, der zugleich einen entsprechenden Formbegriff entwickelt hat, der limitativ an die Funktionen der "Isolierung" und "Loslösung" im Verhältnis des Autors zum Inhalt seines Werks gebunden ist. Zu untersuchen wären also Kulturprodukte vorrangig literarischer und medienästhetischer Faktur (Photo, Film, Video), an denen das Spannungsverhältnis zwischen repräsentativer Form und gegen deren Grenzen stoßender, überbordender Potentialität der De-/In-/Trans-Formation aufzuzeigen wäre, um rein hypothetisch der Vermutung zu folgen, ob nicht die ästhetische Kraft dieser Kulturarbeit sich überhaupt der Abweichung von der Form, der geregelten Deformation verdankt (wobei immer die Differenz/Distanz zwischen Be-deuten und Form zu bestimmen ist, und zwar als Hervorbringung des Zeitspielraums). Modelle in der Geschichte der Avantgarde gibt es genug, nicht zuletzt das des von Lyotard paradigmatisch als "Transformateur" beschriebenen Marcel Duchamp. Wichtig ist aber der differenzierte Umgang mit der Relation Deformation-Information als dynamische Transformation oder als bewegte Form im Sinne des "Rhythmus", den es in den Untersuchungsgegenständen zu bestimmen gilt, ein Wort, das ursprünglich "'eine besondere Art des Fließens' bedeutete und deshalb das geeignetste Wort gewesen ist, um 'Dispositionen' oder 'Formen' ohne Festigkeit oder natürliche Notwendigkeit, Resultate einer immer der Veränderung unterworfenen Anordnung zu beschreiben." Eine letzte Möglichkeit wäre, diese Zugangsweise zum Konzept von Form als dekonstruktive zu beschreiben, aber schon im Topos des Kinematographischen ist angezeigt, dass es nicht um das Konstatieren von Instantanen geht, sondern um das Verfolgen von Bewegungen, die sich aufschreiben, als chronotopischer Aufschub aber nicht den Momenten der Evidenz oder den Punktierungen der Form entziehen können, aber nicht ich ihnen als "die Präsenz selbst", als – im Sinne Edmund Husserls "Bestimmung der lebendigen Gegenwart" aufgehen.

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