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Narrating Dependency – Die Darstellung asymmetrischer Abhängigkeitsverhältnisse in narrativen Texten vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert (19.05.2021)

Panel des Bonn Center for Dependency and Slavery Studies am dies academicus

Kurzübersicht
Art des Termins
  • Dies Academicus
Wann 19.05.2021
von 14:00 bis 17:00
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Zoom-Link:

https://uni-bonn.zoom.us/j/94476179025?pwd=ckVWUzh4VThzZ1hkTDhNMU9YaEorQT09

Meeting-ID: 944 7617 9025

Kenncode: 006272

 

14:00-14:15: Stephan Conermann: Einführung


14:15-14:45: Clara Hedtrich: „Zwischen Einflussnahme und Existenzbedrohung: Zur Verbindung von Ratgeber*innen und Herrscher*innen in der Literatur des Mittelalters“

Die Ausübung von Herrschaft ist ohne Beratung nicht möglich. Auch in der Literatur des Mittelalters gehören Szenen von politischer Einflussnahme und heimlich getroffener Entscheidungen zu den wiederkehrenden Elementen. Die persönliche Beziehung zwischen Herrscher*innen und Ratgeber*innen ist dabei ambivalent: Große Nähe und freundschaftliche Verbundenheit geht hier einher mit einer dauernden Gefährdung von Ratgeber*innen, die bis zur Existenzbedrohung reichen kann.

Welche Figurationen sind es, die uns immer wieder begegnen, und wie werden diese komplexen Beziehungen zwischen Herrscher*innen und Ratgeber*innen dargestellt? Welche Formen von Hierarchien sind für diese, von asymmetrischen Abhängigkeiten geprägten Beziehungen bestimmend? Wie groß ist die Einflussnahme von Ratgeber*innen, und wie sehr sind sie durch ihre besonderen Positionen gefährdet? Diesen Fragen soll anhand ausgewählter Figurenkonstellationen aus der erzählenden Literatur des Mittelalters nachgegangen werden.

 

14:45-15:15: Elke Brüggen: „Ein Muslim am christlichen Hof: Herleitung und Auswirkungen asymmetrischer Abhängigkeit und die Frage nach Auswegen. Beobachtungen anhand des Willehalm Wolframs von Eschenbach“

Der Willehalm, eine umfangreiche Erzählung aus dem zweiten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts, handelt von einer kriegerischen Konfrontation zwischen Islam und Christentum. Wolfram von Eschenbach, ungleich bekannter als Verfasser eines vielbewunderten Romans über Parzival, den Gralssucher, hat den zentralen Konflikt durch Mehrfachmotivierungen, durch eine komplexe, geradezu widersprüchliche Figurengestaltung und durch eine anspruchsvolle Erzähltechnik gegenüber seiner altfranzösischen Vorlage, der Bataille d’Aliscans, so zugespitzt, dass die Aporien eines erbitterten und unversöhnlichen Kampfes im Namen des Glaubens herausgetrieben werden. Neben dem christlichen Titelhelden und dessen Ehefrau, die zunächst unter dem Namen Arabel als Tochter und als Ehefrau mächtiger muslimischer Könige lebte, um dann dem Markgrafen Willehalm in dessen Herrschaftsbereich zu folgen, sich auf den Namen Gyburg taufen zu lassen und eine neue Ehe mit Willehalm einzugehen, verdient eine weitere Figur unsere Aufmerksamkeit: Rennewart, als Bruder Arabel/Gyburgs ebenfalls von hochadliger Abstammung, jedoch als kleines Kind entführt, verschleppt, verkauft, schließlich auf undurchsichtigen Wegen an den französischen Königshof gelangt, wo er zu entwürdigendem Dienst in der Hofküche abgestellt ist, da er einen Übertritt zum christlichen Glauben verweigert. Recht umstandslos von König Ludwig an Willehalm ‚verschenkt‘ und von diesem mit militärischen Aufgaben betraut, gelingt ihm ein gewisser sozialer Aufstieg, doch bleibt der Muslim im christlichen Umfeld fremd und heimatlos – dass die (unvollständig gebliebene) Erzählung mit einem Sieg der Christen endet, auf dem Schlachtfeld indes alles im Zeichen einer Suche nach Rennewart steht, der in den Wirrnissen der Kämpfe ‚verlorenging‘, kann als symptomatisch gelten für das im Willehalm praktizierte Erzählen von einer Grenzgängerfigur, die in den Kontext asymmetrischer Abhängigkeiten gerückt ist und mit der auf eine sehr bemerkenswerte Art und Weise die Geschichte einer aufgezwungenen Inkulturation erzählt wird, die nur partiell erfolgreich ist.

 

15:15-15:45: Elena Smolarz: „‚Unglückselige russische Sklaven‘? Opfernarrative im Kontext der Versklavung russischer Untertanen in Buchara und Chiwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“

Die Verschleppung und Versklavung russischer Untertanen aus den südlichen Grenzgebieten des Russischen Reiches stellte im 18. und 19. Jahrhundert ein wichtiges Thema innerhalb imperialer Machtdiskurse dar. Dieser Vortrag analysiert die in den Quellen russischer Provenienz nachweisbaren Opfervorstellungen, die gleichwohl unterschiedliche Bedeutungsdimensionen annehmen konnten. Im Fokus stehen ‚Opfernarrative‘ in publizistischen Texten russischer Diplomaten, in Verwaltungsdokumenten russischer Grenzbeamter und schließlich solche, die in Erinnerungen von ehemaligen Sklaven selbst greifbar sind. Der Vortrag fragt danach, welche Interpretationen von Opferschaft bzw. der Leiderfahrungen in den jeweiligen Textgattungen thematisiert werden.

 

15:45-16:15: Marion Gymnich: „Just like in Downton Abbey? Darstellungen von Dienstboten in britischen Romanen des 19. Jahrhunderts im Lichte realer Abhängigkeitsverhältnisse in privaten Haushalten“

Die international äußerst erfolgreiche britische Fernsehserie Downton Abbey (2010-2015) stellt nicht allein das wechselvolle Schicksal der Mitglieder einer (fiktiven) aristokratischen Familie im Zeitraum von 1912-1926 in den Mittelpunkt, sondern widmet auch den im Haus des Earl of Grantham beschäftigten Dienstboten sehr viel Aufmerksamkeit und Sendezeit. Ähnlich wie Downton Abbey zeichnen viele britische Romane des 19. Jahrhunderts ein Bild von Haushalten der Oberschicht, in denen zahlreiche Dienstboten beschäftigt waren. Anders als in Downton Abbey bleiben diese Hausangestellten aber beispielsweise in den am Beginn des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Romanen Jane Austens nahezu ‚unsichtbar‘. Neben dem exemplarischen Vergleich von Downton Abbey und Jane Austens Romanen in Bezug auf die Darstellung von Dienstboten soll ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Darstellung von Hausangestellten im Roman des 19. Jahrhunderts geworfen werden, und schließlich – unter Bezugnahme auf nicht-fiktionale, von Hausangestellten verfasste Texte – aufgezeigt werden, wie die asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnisse sich gestalteten, in denen sich Dienstboten im 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) in der Realität oft befanden.

 

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