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Forschung

Habilitationsprojekt

Wissenswelt triuwe
Kollokationen – Semantisierung – Konzeoptualisierung

Knapp 800 Belegstellen aus Prosa- und Verstexten von den Anfängen volkssprachiger Schriftlichkeit bis um 1350 und aus allen Themenbereichen (Poesie, Religion, Geschichte, Recht u.a.m.) bilden die Basis für die Untersuchung des Konzepts ‚Treue‘. Dabei setzt die Arbeit bei Überlegungen zur kulturwissenschaftlichen Relevanz von Sprachbetrachtung einerseits und Literaturbetrachtung andererseits an und versteht sich als Plädoyer für das Zusammengehen von sprachlichen und literaturwissenschaftlichen Aspekten, wenn es darum geht, einen historischen Wissensbereich zu erfassen und zu analysieren. Dabei werden die Möglichkeiten der Verbindung beider Disziplinen – konkret der germanistischen Mediävistik und der historischen Sprachwissenschaft – theoretisch, methodisch wie empirisch vorgeführt. Insgesamt wird das Ziel verfolgt, am Beispiel von ‚Treue‘ zu veranschaulichen, wie Sprachbetrachtung und Literaturbetrachtung auf der Grundlage der gegenwärtigen medialen Möglichkeiten (wieder) stärker in Wechselwirkung treten können.
Im Anschluss an Christoph Huber (2006) und Wolfgang Haubrichs (2008) wird der Grundannahme gefolgt, dass sprachliches und literarisches Schaffen einander bedingen und daher zusammen gesehen werden müssen; die Untersuchung wird somit von folgenden Aspekten motiviert:

  • Es gibt Forderungen aus der germanistischen Mediävistik nach intensiverer Auseinandersetzung mit dem Text (als sprachliches Gebilde) und nach deutlich mehr Einbezug historisch semantischer Verfahrensweisen;
  • Es liegen übertragbare Ansätze der kognitiven Linguistik und Verfahren der linguistischen Diskursanalyse sowie der Frame-Semantik zur Erfassung auch historischer Wissensstrukturen (d.h. Konzepte) vor;
  • Es kann eine Neuperspektivierung der historischen Semantik unter Verwendung der medialen Möglichkeiten erreicht werden, um das Ineinandergreifen von Sprache und Literatur mit Blick auf eine historische Kulturwissenschaft neu auszurichten.

Dabei werden methodisch und empirisch neue Wege gegangen, indem über die Analyse der Verwendungsweisen des Lexems triuwe vorgeführt wird, wie sich gesellschaftliches Wissen unter Rückgriff auf die Diskursanalyse und die Frame-Semantik aus Texten ablesen und darstellen lassen kann. Im analytischen Teil bietet die sog. diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse nach Warnke und Spitzmüller (2008) die Grundlage für die Untersuchung der ‚Treue‘-Diskurse. Für den Bereich der Auswertung und Visualisierung wird auf die in den letzten Jahrzehnten sehr aktive Frame-Semantik (Barsalou 1992, Busse 2012 u.ö.) zurückgegriffen, die eine geeignete Methode bietet, um Ergebnisse der Analyse größerer Belegmengen gewinnbringend abzubilden.
Die Untersuchung verfolgt das Ziel, einer drohenden „Entleerung des Semantik-Begriffs zum Schlagwort“ (so Grubmüller 2003) entgegengen zu wirken; über die Erprobung und den Einsatz methodisch neuer Ansätze wird zunächst auf eine Fokusverschiebung – fort von der Suche nach Bedeutungen und Entwicklungen, hin zur Ermittlung von Verwendungsweisen und Strukturen – hingearbeitet. Darüber hinaus wird ein möglicher, neuer Weg skizziert, den die historische Semantik künftig einschlagen kann: die Ablösung traditioneller Wortstudien durch diskursive Konzeptstudien.

 

Forschungsprojekt I im Rahmen der Heisenbergförderung

Wissens-Welten des Mittelalters: Konzeptstudien statt Wortgeschichten

Wissen wollen: Konzepte des Mittelalters erfassen und verstehen
Immer wieder überrascht das Mittelalter mit seiner Andersartigkeit und gleichermaßen erstaunt es durch seine Aktualität – längst sind dementsprechend Alterität und Modernität zu Leitaspekten mediävistischer Forschungstätigkeit geworden. Es sind spezielle Ideen und Vorstellungen, Erfahrungen und Lebensumstände, die prägend wirken und sich nahezu allen kulturellen Artefakten entnehmen lassen (z.B. der Komplex um minne und liebe und damit verbundenen Vorstellungen von Partnerschaft). Diese Mischung aus Fremdem und Bekanntem macht den Reiz der Beschäftigung aus und deren Ent-schlüsselung verspricht erhellende Einblicke in vergangene Lebens- und Wissens-Welten.
Aus germanistisch-mediävistischer Sicht lassen sich verstehensnotwendige Elemente aus den das Wissen tragenden und konservierenden schriftlichen Überlieferungsträgern gewinnen. Vorausgesetzt wird dabei, dass sich das zeitgenössische Wissen über die äußere Lebenswelt im Gedächtnis und damit in kognitiven Strukturen verankert, in mentalen Konzepten strukturiert (Schwarz 2008) und schließlich über mediale Träger abgebildet wird. Textgebilde als Geflecht sprachlicher Zeichen können daher als Träger von (Welt-)Wissen gelten (zur Konstitution von Wissen durch Sprache vgl. Felder/ Gardt 2015) und dieses formt sich nach bestimmten Strukturmustern zu Konzepten. Das Verstehen von Konzepten kann somit als ein Schlüssel zur Öffnung von Wissens-Welten vergangener Zeiten angesehen werden. Hierfür ist das Entschlüsseln und Verstehen von Text in allen seinen einzelnen Elementen (d.h. mit allem durch das einzelne Element Evozierte) und in der Text-Gesamtheit unabdinglich. Nicht zuletzt schließt dies die sprachliche, inhaltliche und literarische Faktur eines Textgebildes mit ein.
Die grundlegende Annahme ist, dass mit der Analyse der Verwendungsweisen von Wörtern in Texten und der darüber evozierten Konzepte das Ziel verfolgt werden kann, die Komplexität einer definierten Wissens-Welt annähernd zu erfassen. Hierfür ist es notwendig, ganzheitliche Konzeptstudien mit einer deutlichen Verbindung sprachlicher und literarischer Aspekte im Sinn einer germanistisch-mediävistischen Gesamtblickrichtung zu etablieren. Im Anschluss an meine grundlegende Studie zu ‚Wissenswelt triuwe‘ (Habilitationsprojekt; Schultz-Balluff 2017) möchte ich die Erarbeitung weiterer Abstrakta und auch Konkreta vornehmen, um die angewandte Methode zu festigen und hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit zu prüfen. Darüber hinaus sollen Konzeptbereiche erarbeitet werden, die sich über Lexemgruppen realisieren. Historische Wissensbereiche werden damit konsequent von ihrer sprachlichen Basis ausgehend mit dem Ziel erarbeitet, dass die kulturhistorisch relevanten Aspekte sichtbar und ihrem Wechselspiel mit anderen Elementen (be-)greifbar werden. Dabei sollen vor allem auch diejenigen Schaltstellen, an denen die sprachliche und literarische Formung aktiv auf das Konzept wirkt, herausgefiltert werden. Weitere Studien sollen schließlich die Basis für die Erarbeitung eines Modells zur Ablösung historischer ‚Grundwortschätze‘ durch ‚Wissenswelten des Mittelalters und ihre Grundkonzepte‘ legen.

Forschungsprojekt II im Rahmen der Heisenbergförderung

Textkulturen im Kloster zwischen Recycling, Wissensvermittlung und Kommunikation

In den letzten Jahren sind Klöster als mittelalterliche Kulturräume wieder zunehmend in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit gerückt (vgl. etwa die Projekte ‚Rekonstruktion und Erforschung niedersächsischer Klosterbibliotheken des späten Mittelalters‘/ Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und Universität Göttingen, ‚Die Bibliothek als Text. Bestand und Bestandsgeschichte der Stifts-bibliothek Kremsmünster‘/ Universität Wien). Als Orte des Bewahrens von Kunstschätzen und wissensspeichernden Medien vor allem in Form von Büchern bieten sie zumeist noch genau den histori-schen Kontext, in dem die Artefakte jahrhundertelang in Gebrauch waren, wie z.B. im Kirchenraum oder in der Klosterbibliothek. Als Orte der Selbstorganisation zeigen sich Klöster äußerst anpassungs-fähig und flexibel und vor allem handlungsfähig in allen Lebensbereichen, was diese von sich durch Abgeschlossenenheit auszeichnenden Lebensräumen anderer Orte der Geistlichkeit und Religiosität, wie z.B. weltgeistlichen Bischofssitzen, unterscheidet. Dem entsprechend verfügen Klöster über auf ihren täglichen Bedarf ausgerichtete Textsorten und Textformen, die von den Mönchen und Nonnen aktiv genutzt und größtenteils auch selbst hergestellt wurden. Die Herstellung von Büchern und deren Handhabung im sakralen Bereich, die Beherrschung des Verwaltungsschriftguts von der Buchführung bis hin zum Briefwechsel und der Umgang mit den schriftlichen Wissensbeständen wie z.B. medizinischen Abhandlungen und Rezeptaren sind sowohl in Männer- als auch in Frauenkonventen an der Tagesordnung. Die großen und gut erhaltenen Klosterbibliotheken (wie St. Gallen) zeugen davon, aber auch rekonstruierte Klosterbibliotheken (s.o.). Daneben gibt es zahlreiche kleinere Klöster, deren Buchbestände heute – aus ganz unterschiedlichen Gründen – vergleichsweise gering sind (z.B. Kloster Wienhausen bei Celle) oder weltweit verstreut (Kloster Medingen in der Lüneburger Heide) und die in den letzten Jahren erst ansatzweise in den Fokus rücken und der Wissenschaft zur Auswertung zur Verfügung stehen.
Sowohl die Forschung zu Frauenklöstern als auch zu norddeutschen Klöstern beiderlei Geschlechts ist seit eineinhalb Dekaden für den deutschsprachigen Raum äußerst aktiv. Mit grundlegenden Beiträgen für die Zeit vom 14.-16. Jahrhundert (Gleba 2003, Schlotheuber 2009) konnten vor allem der Status und der Bildungsgrad von weiblichen Religiosen – beides wurde als gering eingestuft – nachhaltig revidiert werden (Hamburger 2004, Schiewer 2004). In zahlreichen Studien zu einzelnen Konventen (Lähnemann 2013 u.ö., Kruse 2013) und einzelnen Handschriften (Hamburger/ Palmer 2015, Hascher-Burger/ Lähnemann 2013, Schultz-Balluff 2013) konnte insbesondere der literarische Niederschlag des geistlichen Lebens der Frauen in seiner Vielfalt und in seinen Ausgestaltungsmöglichkeiten konturiert werden. Von Seiten der Geschichtswissenschaft, der Kunstgeschichte, der Musikwissenschaft und der Germanistischen Mediävistik ist inzwischen eine Grundlage erarbeitet worden, die einen hervorragenden und soliden Ausgangspunkt bietet, um mit weiterführenden bzw. neu ausgerichteten Fragestellungen den gegenwärtigen Stand der Forschung zu bereichern. Da bei der Beantwortung fachspezifischer Fragestellungen immer auch Aspekte der Gegenständlichkeit und der Materialität eine Rolle spielen, sind transdisziplinäre Herangehensweisen unerlässlich, wie die Verbindung von Germanistik und Musikwissenschaft bei der Edition des Medinger Propsthandbuchs zeigt (vgl. Hascher-Burger/ Lähnemann 2013).
Aspekte der Textwissenschaft und der Linguistik werden durchgängig auch auf Texte aus der klöster-lichen Lebenswelt angewandt: sei es von Seiten der Glossenforschung (vgl. Schiegg 2015) als eigene Fachrichtung oder im Rahmen umfassender Perspektiven, wie z.B. der Fokussierung von ‚Textsortentypologien und Textallianzen‘ (vgl. z.B. den Sammelband von Simmler (2004) zum 16./17. Jh. und von Habermann (2011) zum 13./14. Jh.). Eine deutlich sichtbare Koppelung linguistischer Ansätze mit denen kulturwissenschaftlich orientierter historischer Disziplinen steht m.E. für den Kul-turraum Kloster bislang noch aus. Dabei sind es gerade die sprachliche Virtuosität und die schriftliche Versiertheit, die sich im Textgebilde niederschlagen, dieses prägen und so die Textualität einer Zeit oder einer Personengruppe nachhaltig konturieren.

Textkulturen im Kloster: Recyclingverfahren in Text und Codex
Mein Ziel ist es, die Textualität der klösterlichen Lebenswelt des späten Mittelalters von sprachhisto-rischen, textlinguistischen und kommunikationstheoretischen Beobachtungspunkten aus zu perspek-tivieren und hinsichtlich ihrer kulturhistorischen Relevanz in dem von den Nachbardisziplinen gege-benen Rahmen neu zu platzieren. Das wichtigste Anliegen ist dabei das kontinuierliche Sichtbarmachen von Aspekten der (Schrift-)Sprachlichkeit im Zusammenhang mit den durch sie möglich werdenden kulturhistorischen Aussagen. Da das zentrale Medium die Schrift ist und damit ihre Ausgestaltungen auf Textebene, gilt das Interesse zunächst allem schriftlich in den Codices Fixiertem ohne Einschränkung (auch Federproben, Marginalien etc.).
Die klösterliche Textwelt möchte ich in zweifacher Hinsicht bearbeiten. Zum einen stelle ich eine kultur-räumlich definierte Überlieferungssituation in das Zentrum der Betrachtung: den Textbestand des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Wienhausen (bei Celle). Es geht darum, die unterschiedlichen Textformen in dieser geschlossenen räumlichen Situation in ihrer Vielfältigkeit zu erfassen und zu analysieren. Anders als bei Bibliotheksbeständen handelt es sich bei dem Großteil des in Wienhausen vorhandenen Bestands, der neben den erhaltenen Büchern überwiegend aus Heften und Zetteln besteht (zur besonderen Fundsituation s.u.), um Texte, die im klösterlichen Alltag verwendet wurden. Vielfach wurden Bücher auseinander genommen und neu zusammengestellt, extrahierte Seiten führten ein separiertes Eigenleben in Heftform. Deutlich sichtbar werden die Lebensbereiche Andacht, Gebet und Gesang, Verwaltung und Kommunikation, Unterricht und (Aus-)Bildung sowie Diagnostizieren und Heilen schriftlich verhandelt. Hier sind die mehr oder weniger intensive Gebrauchsspuren zeigenden Texte daher definitiv Träger einer klösterlichen Alltagskultur. Es geht mir darum, dieses spezielle Profil vor allem unter Gesichtspunkten der Textualität herauszuarbeiten.
Zum anderen möchte ich der Tradierung eines Phänomens in deutschsprachigen Texten nachgehen: den marginalen Textformen und -formationen in spätmittelalterlichen Handschriften (zu frühmittelalterlichen Marginalien vgl. Glaser 2013, Moulin 2009). Kleine Texte an Rändern und zwischen den Zeilen – im Wortsinn marginal – zeigen nicht selten eine substantielle Einwirkung auf den Haupttext und rücken buchstäblich vom Seitenrand in das Zentrum der Wahrnehmung. Die intensive Arbeit mit dem Text und im Text, d.h. in der Satzstruktur, an der Lexik, an der Wortbildung, kann bis zur Aufhebung des ursprünglichen und zur Schaffung eines neuen Textes in ein und demselben Textgebilde führen. Dies zeigt sich insbesondere in viel gebrauchten Texten, wie z.B. der Benediktinerregel, aber auch in den Werken Heinrich Seuses oder in Arzneibüchern. Das Verfahren scheint weniger auf eine Textsorte beschränkt, als vielmehr Ausdruck eines Zeitgeists zu sein, der von Kommentierungs- und Aktualisierungswillen geprägt ist und eben nicht eine Unantastbarkeit von Text absolut setzt. Auf den Klosterraum beschränkt, jedoch ausgeweitet auf den gesamten deutschsprachigen Raum und Männer- wie Frauenklöster umfassend sowie textsortenübergreifend möchte ich in einer grundlegenden Studie herausarbeiten, welche Strategien bei dieser aktiven Text- und Spracharbeit zum Tragen kommen. Die Analyse der formalen Aspekte wird dabei eng gekoppelt mit der Auswertung auf der inhaltlichen Ebene. Ich möchte aufzeigen, wie Umgangsformen mit Text und die Arbeit an und mit der Sprache zum Spiegel von Anpassung und Aktualisierung werden und schließlich als Ausdruck kultureller Wandlungen gewertet werden können.

Das Recycling-Prinzip in Text und Codex: Ausdruck spätmittelalterlichen Zeitgeists?
Für meine Forschungsvorhaben zur klösterlichen Textarbeit wähle ich unterschiedliche Zugänge: einmal über den archivalischen Bestand eines Klosters (räumlich begrenzt), einmal über das Phänomen der Textkommentierung (räumlich entgrenzt). Sie verfolgen jedoch beide das Ziel, den materiellen und inhaltlichen Umgang mit Text innerhalb des definierten Kulturraums ‚Kloster‘ zu erhellen. Als Ausgangpunkte werden konsequent Materialität und konkrete textuelle und sprachliche Faktur gewählt. Anhand ausgewählter Aspekte der Linguistik und der Kodikologie möchte ich herausarbeiten, wie Umgangsformen mit Text zum Spiegel von Anpassung und Aktualisierung werden und damit Ausdruck kultureller Wandlungen insbesondere im Übergangsbereich von Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit sind. Die Parallelen zwischen der Textbearbeitung und der Codexbearbeitung im Sinne eines Recyclings sind augenscheinlich und so wird abschließend ein Erklärungsversuch unternommen werden müssen, inwieweit es sich bei der konsequenten Wiederverwertung auf sprachlicher, textueller und materieller Ebene um den Ausdruck eines spätmittelalterlichen Zeitgeists handelt.

DFG-Projekt (Abschluss 2017)

‚St. Anselmi Fragen an Maria‘ – (digitale) Erschließung, Auswertung
und Edition der gesamten deutschsprachigen Überlieferung (14.-16. Jh.)

Mit ‚St. Anselmi Fragen an Maria‘ (auch ‚Interrogatio Sancti Anselmi de Passione Domini‘) liegt ein einmaliger Glücksfall mittelalterlicher Textüberlieferung vor: Der einzige Passionstraktat in Dialogform ist im gesamten deutschsprachigen Gebiet vom 14.-16. Jh. in Vers- und in Prosaformen überliefert. Der Bestand umfasst 198 Handschriften und 33 Drucke in lateinischer (162), deutscher (64), niederländischer (4) und englischer (1) Sprache. Damit ist ‚St. Anselm‘ einer der am reichsten überlieferten religiösen Texte des Spätmittelalters.
In dem Projekt werden auf der Basis der umfänglich aufbereiteten und annotierten Daten neue Ansätze der Digital Humanities erprobt, die schließlich die digitale Edition kennzeichnen, wie z.B. der dynamische Parallelabdruck und die Verknüpfung mit den Handschriften bzw. Drucken, kombinierte Suchfunktionen von getaggten Wortformen bis hin zu Schlagworten, Alignment der annotierten Elemente. Dabei werden unterschiedliche Zugänge interdisziplinär verbunden, so aus der germanistischen Mediävistik bzw. Philologie, der historischen Linguistik und der Computerlinguistik.
Die Herausforderung und der Reiz des Materials liegen also in interdisziplinären Herangehensweisen, die grundlegend neue Erkenntnisse versprechen, wie die im Rahmen der ersten Projektphase und derzeit noch laufenden zweiten Projektphase erzielten Ergebnisse bereits zeigen. So werden die linguistische und textgeschichtliche Vielfalt einerseits genutzt, um unterschiedliche Erschließungsmöglichkeiten komplexer Überlieferung zu erproben, und andererseits, um methodisch neue Zugänge zu varianter Textüberlieferung zu entwickeln. Mit der Gesamtüberlieferung liegt also dreierlei vor:

  • Ein linguistisches Korpus mit einer einzigartigen Verteilung über das gesamte deutschsprachige Gebiet in einem Zeitraum vom 14.-16 Jh.,
  • ein literarisches Gebilde mit komplexer Redaktionsgeschichte,
  • ein theologisches Dokument der sich wandelnden Passionsfrömmigkeit am Übergang zur Neuzeit.

Das Ziel ist die Erschließung, Aufbereitung, Auswertung und digitale Edition der gesamten deutsch-sprachigen Überlieferung von ‚St. Anselmi Fragen an Maria‘. Ausgehend von dieser Grundlage sollen schließlich weiterführende und signifikante qualitative und quantitative Aussagen für Fragestellungen der Linguistik, Literatur- und Kulturwissenschaft getroffen werden können.

Link zur Projekt-Homepage

Das Projekt ist gemeinsam mit dem computerlinguistischen Partnerprojekt mit gleichem Titel unter der Leitung von Prof. Dr. Stefanie Dipper (Bochum) genehmigt worden und wird in einigen Punkten in enger Kooperation durchgeführt.

DFG-Projekt (beantragt)

Die Jagd in deutschsprachigen Fachtexten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit:
sprachliche Faktur – textuelle Formung – fachliche Spezifizierung

Im Fokus des Projekts steht das gesamte deutschsprachige Fachschrifttum zur Jagd aus Mittelalter und früher Neuzeit (14.-17. Jh.). Die textbasierte Aufarbeitung dieses Fachgebiets verfolgt das Ziel, zeitgenössische Spezifika des deutschsprachigen Fachschrifttums zur Jagd herauszuarbeiten. Die Textgrundlage wird linguistisch und philologisch aufbereitet, kommentiert und annotiert. Schließlich kommt ein dual-digitales Editionskonzept zum Tragen, das gleichermaßen sprachhistorische, literatur- und kulturwissenschaftliche Interessen berücksichtigt. Das Projekt will zur Rekonstruktion und Sichtbarkeit dieses bis heute wichtigen Wissensbereichs beitragen.
Die wissenschaftliche Befassung mit dem Schrifttum zum Themenbereich der Jagd stellt eine Herausforderung dar, da es sich um eine praktisch-handwerkliche Tätigkeit handelt, die im Gegensatz zu reinen Handwerken über eine außerordentliche Prestigeträchtigkeit verfügt. Noch dazu wird die Jagd in allen Gesellschaftsschichten von Männern wie Frauen ausgeübt und ist in mittelalterlicher Zeit omnipräsent. Die schriftsprachliche Thematisierung erfolgt daher im Kontext aller möglichen Bezugswelten: Religion, Recht, Fachwissen, weltliche Erzählkunst, Chronistik u.a.m. Damit kor-respondierend zeigt sich eine spezifische Ausgestaltung in der sprachlichen Faktur (Lexik, Syntax usw.) und der textuellen Formung (von der Textsorte bis hin zum Duktus einzelner Textpassagen). Innerhalb der sog. Fachliteratur zur Jagd begegnen durchgängig variante Darstellungsformen, Fachlexik und fachsprachliche Wendungen sind keineswegs schon gefestigt. Die Genese, den Wandel und die Entwicklung dieser fachsprachlichen Varietät nachzuzeichnen ist eines der Ziele dieses Projektes.
In der ersten Projektphase werden alle jagdlichen Fachschriften vom ausgehenden 14. bis zum Beginn des 17. Jh.s inklusive aller heute noch greifbaren Exemplare eines Textes erfasst und aufbereitet, da diese bislang nur auszugsweise ediert sind. Die Annotationen erfolgen zunächst auf lexikalischer und syntaktischer Ebene, da hier die fachsprachlichen Spezifika erfasst werden können. In der zweiten Phase werden weitere Annotationen durchgeführt und fachsprachliche Auswertungen vorgenommen. Über ein dual-digitales Editionsmodell, das sowohl linguistische Annotationen auf unterschiedlichen Ebenen als auch eine philologische Edition mit Kommentierungen bietet, werden die aufbereiteten Texte für verschiedene Nutzergruppen attraktiv. Für die historische Fachsprachenforschung wird mit der Verfügbarkeit aller Fachtexte zu einem Themenbereich erstmals eine Basis geboten, die methodisch innovativ ausgewertet werden und generalisierende Aussagen ermöglichen kann. Fachtexttypologische Untersuchungen runden das Projekt ab.
Insgesamt soll über sprachliche, mediale und konzeptbasierte Zuwege der zentrale mittelalterliche Lebens- und Wissensbereich der Jagd ausgehend von der Fachliteratur erstmals konturiert werden. Damit wird eine Basis geschaffen, die es ermöglicht, auf eine Zusammenschau jagdlicher Themen über Jahrhunderte und Textsorten hinweg hinzuarbeiten. Bereits während des laufenden Projekts werden sämtliche Texterfassungen sowie diverse Auszeichnungen online verfügbar gemacht.

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