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,Blicke, Bilder und Gender in der höfischen Epik’ (Arbeitstitel)

Ines Palau

Die lebhafte Diskussion über Geschlechterordnungen in der höfischen Epik um 1200 deutet darauf hin, dass sich die Geschlechterkategorien der hochmittelalterlichen Gesellschaft im Umbruch befanden. Wurde im Spannungsfeld zwischen dem Erziehungsprogramm der Kirche und dem des Adels gezielt an einer Umformung der Geschlechterrollen gearbeitet? Welche vorhandenen Geschlechterordnungen erwiesen sich in diesem Prozess als tragfähig und welche wurden verworfen? Welche Rolle spielte die mittelalterliche Literatur bei der Propagierung und Aneignung von Geschlechterrollen? Dies sind die Leitfragen meiner Dissertation, die an die Epen Hartmanns von Aue und Wolframs von Eschenbach sowie das ,Nibelungenlied‘ gestellt werden.

Die höfische Literatur war ein wirksames Medium, neue Geschlechtermodelle durchzusetzen. Die in ihr dargestellten Männer und Frauen galten als Vorbilder, die sich zur Nachahmung anboten. Um die didaktische Wirkung und die Einprägsamkeit dieser Vorbildfiguren zu verstärken, bedienten sich die Verfasser gezielter Visualisierungsstrategien. Diese Thematik hat seit den 1990er Jahren die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden. Unter den entsprechenden Untersuchungen möchte ich die von Horst Wenzel (H. W.: Hören und Sehen. Schrift und Bild. München 1995) und Haiko Wandhoff (H. W.: Der epische Blick. Berlin 1996) hervorheben, an die ich unter besonderer Berücksichtigung der Gender-Thematik anschließe. Es lässt sich plausibel machen, dass die Imagination der Rezipienten durch narrative Evidenzverfahren (u.a. descriptiones, Blickregie) angeregt wurde. Im Spiegel der erzählten Blicke posieren die Frauen und Männer der höfischen Welt, drehen und wenden sich in ihrer prächtigen Kleidung, lassen Blicke auf ihren männlichen oder weiblichen Körper zu, schreiten geschlechtsspezifische Räume ab oder erstarren zu einer Art Standbild. Erzählte öffentliche zeremonielle Anlässe und Rituale (Corinna Dörrich: Poetik des Rituals. Darmstadt 2002) sind dabei der Rahmen, in dem ideale geschlechtsspezifische Verhaltensweisen am wirksamsten inszeniert werden.

Folgt man den Blicken der handelnden Figuren, kommen jedoch nicht nur Ideale zum Vorschein. Im Spiegel verstohlener Blicke werden auch Tabubereiche der Geschlechterordnungen wie Homosexualität, Gewalt gegen Frauen, Misogynie beäugt und sexuelle Freizügigkeiten imaginiert. Lässt man sich auf dieses Spiel der Blicke ein, gerät man plötzlich auf eine Art „Hinterbühne“ des Textes (Carsten Morsch: Blickwendungen. Berlin 2011), auf der verdeckt anstößige Facetten der Geschlechterfrage verhandelt werden. Erzählt das Spiel der Perspektiven in einem höfischen Roman vielleicht eine ganz eigene Geschichte neben der Haupthandlung, welche die offiziell propagierte moralische Position unterläuft? Verraten die männlichen Blicke Angst vor zu starken Frauen und Lust an deren Unterdrückung? Wird in den bewundernden Blicken des höfischen Publikums auf die Ritter eine Verweiblichung der Männer lanciert? Wird der schöne Frauenkörper immer dann ikonographisch erhöht oder überhöht, wenn es darum geht, den begehrlichen Blick auf ihn zu neutralisieren?

In Zeiten, in denen das Gender-Mainstreaming zum offiziellen Ziel der Europäischen Union erklärt und Geschlechtergleichstellung gleichsam „verordnet“ wird und in denen demographische Untergangsszenarien entworfen werden, könnte diese Arbeit eventuell einen Beitrag dazu leisten, die heutigen Veränderungen der Geschlechterkategorien zu historisieren und den Prozess in eine konstruktive Richtung „mitzusteuern“.

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