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Erzählen vom Erzählen - Aspekte der Selbstreferenzialität im Œuvre Helmut Kraussers

Christine Bücken

 
Trotz seiner über 20 Jahre währenden schriftstellerischen Tätigkeit und einer diese Zahl noch weit übersteigenden Menge an in den Feuilletons oftmals hochgelobten literarischen Veröffentlichungen ist Helmut Krausser ein in der Forschung bislang wenig beachteter Autor. Als Beginn einer breiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung darf das Kolloquium „Helmut Krausser und die Gegenwartsliteratur der Romantik“ gelten, das im Jahr 2007 Kraussers Poetikprofessur an der LMU München begleitete. Zugleich indiziert bereits der Titel der Veranstaltung den eingeschränkten Blick, mit dem die Forschung Kraussers Œuvre bislang begegnet ist, wurden seine Werke doch vor allem mit Schwerpunkt auf der ‚neuen Romantik‘, welche seinen Stil und seine Poetik prägt, sowie unter dem Schlagwort der ‚Remythisierung‘ diskutiert.

Ich möchte in meiner Arbeit dem Œuvre Kraussers eine neue Facette abgewinnen und aufzeigen, dass sich über diese offenkundige poetologisch-thematische Prägung hinaus in den Krausser’schen Werken eine weniger augenscheinliche selbstreferenzielle Metaebene ausmachen lässt. Denn die Texte Helmut Kraussers erzählen immer auch vom Erzählen selbst, sie verhandeln – häufig durch die Implementierung eines zugleich intra- wie extradiegetisch verorteten Autor-Erzählers – die Mechanismen, Maßstäbe und Möglichkeiten des Erzählens und erweisen sich dadurch als in hohem Maße selbstreflexiv. Eben diesem Thema des ‚Erzählens vom Erzählen‘ möchte ich in meiner Dissertation nachgehen. Dabei kann es nicht zielführend sein, eine narratologische Abhandlung vorzulegen, die sich mit erzähltechnischen Analyse-Modellen auseinandersetzt und diese den Texten aufoktroyiert, sondern das Thema des Erzählens soll als konstitutives und zentrales inhaltliches Element der Werke begriffen werden.

Im Zentrum meiner Ausführungen wird Helmut Kraussers dramatische Nibelungenbearbeitung „Unser Lied“ stehen, an der ich diese selbstreflexive Dimension der Krausser’schen Texte exemplarisch veranschaulichen möchte. Eine Einbettung des Dramas in das Gesamtœuvre Kraussers unter dem Aspekt des Erzählens soll darauf aufbauend illustrieren, wie der Autor immer wieder durch konkurrierende Erzählerinstanzen, ‚multiperspektivische Narration‘ (Torsten Pätzold: Textstrukturen und narrative Welten. Narratologische Untersuchungen zur Multiperspektivität [...]. Frankfurt a. M. 2000) und entsprechend divergente Versionen der Handlung konsequent die Grenzen zwischen intra- und extradiegetischer Erzählebene einerseits sowie zwischen den Kategorien von Realität und literarischer Fiktion andererseits verschwimmen lässt und zudem – die Verunsicherung des Rezipienten potenzierend – beständig den autoritativen Anspruch von vermeintlichen Orientierungsgrößen wie ‚Autor‘ und ‚Erzähler‘ negiert und an deren Stelle letztlich eines treten lässt: die radikale Autonomie der Literatur.

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