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Norm und Realität. Studien zur Behandlung berufspraktischer, zeitkritischer und politischer Fragen in der mittelhochdeutschen Sangspruchdichtung

Lars Eschke

 Mit Kritik und Schelte an den Zuständen ihrer Zeit haben die mittelhochdeutschen Sangspruchdichter nicht gegeizt. In unterschiedlichen Rollen, mal in ernstem, mal in spöttischem Ton werden die selbsternannten Lehrer und Hüter öffentlicher Moral nicht müde, ihre erlebte Umwelt als denaturierte und verkehrte Welt zu inszenieren. Auf dem Kopf stehen die Dinge vor allem deswegen, weil – in den Augen der Dichter – die traditionellen gesellschaftskonstituierenden und -sichernden Normen in der realen Lebenspraxis allenthalben missachtet werden.

Dieser Gedankenkreis einer allgemeinen Verkehrtheit der Welt, von der Forschung zur mittelhochdeutschen Literatur durchaus an-, aber keinesfalls ausgeleuchtet, steht im Zentrum meiner Untersuchung. An ausgewählten Themenfeldern soll exemplarisch gezeigt werden, wie die Sangspruchdichter mit Hilfe eines auf antike Vorbilder zurückgehenden literarisch-ästhetischen Motivs eine künstlerisch abwechslungsreiche und zugleich zum Mitdenken auffordernde Form der Zeitklage entwickeln, in der sie nicht allein affirmativ das große Klagelied über den Verfall der Welt anstimmen, sondern auch versuchen, eigene Geltungs- wie allgemeinverbindliche Normansprüche auf mitunter unterhaltsam-ironische Weise für ihr Publikum transparent zu machen. Diese Themenfelder betreffen zum einen die Dichter unmittelbar selbst, z.B. dann, wenn es um die Frage nach dem Status ihrer Kunst geht. Zum anderen handelt es sich um Felder, die den Gesamtzustand der Gesellschaft anbelangen, etwa um den Bereich der Politik, wo die adeligen Herren mit ihrem Fehlverhalten ihr eigenes Amt karikieren und die ideale politisch-rechtliche Ordnung pervertieren, oder um den Bezirk des Klerus, wo der Bischof seinen Stab gegen ein Schwert eingetauscht hat. Nicht zuletzt widmen sich die Dichter dem recht privaten Feld des (Ehe)Verhältnisses zwischen Mann und Frau. Auch dort scheint alles aus den Fugen geraten zu sein, wenn plötzlich die Frau zum Mann wird und der Mann zum Pantoffelhelden verkümmert.

Die schwierige Frage nach der Historizität von literarischen Texten bzw. nach dem Ineinanderwirken von Literatur, Kultur und Gesellschaft, die sich bei diesem Thema unweigerlich stellt, gilt es im Rahmen theoretischer Vorüberlegungen zu diskutieren. Dabei soll der für die Mediävistik vielversprechende Ansatz des New Historicism nutzbar gemacht werden, der besonderes Interesse zeigt an der Zirkulation und den Verhandlungen (Stephen Greenblatt) von sozial und symbolisch aufgeladenen Texten und zeitgenössischen historischen, sozialen und ökonomischen Kontexten resp. kulturellen Praktiken, der den gesellschaftlichen und geistigen Voraussetzungen für die Entstehung und Verbreitung der Dichtungen nachspürt und, indem er seinen Blick immer wieder auch auf das Unterhaltsame und Humorvolle lenkt, zugleich das wirkungsästhetische Potential der Texte nicht unbeachtet lässt.

Die Untersuchung der in den Sangsprüchen diskutierten und über sie transportierten Normen kann zudem einen Beitrag leisten zu den neueren kulturwissenschaftlichen Diskussionen über die Spielregeln der höfischen Gesellschaft und ihr kulturelles und rechtliches Normenverständnis.

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