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Zur Konzeption des Virtuellen in den Minneliedern Heinrichs von Morungen

Nicolas Mittler

seit 1. Januar 2012: Promotionsstipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst.

Eine semiotische Untersuchung zu den Bedingungen von Virtualität im Minnesang des frühen 13. Jahrhunderts

Eine strenge Trennung zwischen Kunstproduktion und ihren Aufführungsweisen scheint für die semiorale Kultur des Minnesangs wenig sinnvoll. Produktion und Rezeption von Minnesang waren eng miteinander verflochten und müssen demzufolge in ihrer Relation betrachtet werden. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Immersivität der Fiktion, die sich auch vor einem anwesenden Publikum beweisen muss. Deswegen entwickelt der Sänger Strategien, das Publikum in die Erlebniswelt der Fiktion zu ziehen (Robert Pfaller: Ästhetik der Interpassivität. Hamburg 2008). In diesem Zusammenhang verdienen fingierte Publikumseinwürfe, die ich in meiner Arbeit erstmals systematisch untersuche, besondere Beachtung.

Ziel meiner Untersuchung wird es sein, im Rückgriff auf das Konzept der Virtualität indexikalische Zeichen in den Blick zu nehmen, die auf den musikalischen Vortrag verweisen. Man hat es bei jedem Vortrag mit einem jeweils einmaligen Erklingen und Verklingen zu tun, mit einer Interaktion zwischen Sänger und Publikum und einer Evokation hyperrealer Simulakra idealer Schönheit. Eine solche Betrachtung des Minnesangs als eines Erlebnis- und Repräsentationsraums könnte dazu beitragen, dass man ein neues Verständnis von Aufführungsformen des Hochmittelalters gewinnt und der Begriff der vordigitalen Virtualität geschärft wird.

In den Liedern Heinrichs von Morungen wird das Indexikalische der Zeichen durch das Singen über das Singen in besonderem Maße herausgestellt. Insbesondere die Traumlieder problematisieren den Status von ‚Realität’. Die Textanalyse zielt darauf, einen Bezug zum Konzept der Virtualität herstellen. Dazu nutze ich moderne Theorieansätze zur Virtualiät (Stefan Rieger: Kybernetische Anthropologie: Eine Geschichte der Virtualität. Frankfurt a. M. 2003; Jean Baudrillard: Agonie des Realen. Berlin 1978), um über die Herausarbeitung von Äquivalenzen ein neues Verständnis von Morungens Lyrik zu ermöglichen. Eine Befassung mit der Analyse medialer Überschreitungen im modernen Informationszeitalter soll für die Betrachtung von Minne als virtuellem Spiel fruchtbar gemacht werden.

Mein Forschungsvorhaben führt – schon aufgrund der musikalisch-literarischen Doppelnatur des Materials – in verschiedene Fachrichtungen. Da die Theoriebildung im Feld der Virtualität noch keineswegs abgeschlossen ist, kann meine Studie auch dazu beitragen, vordigitale Phänomene der Virtualität in den Blick zu rücken, die von der einschlägigen Forschung bislang ausgeblendet werden.

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