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Nachruf auf Prof. Dr. Heiko Uecker

Am 30. Mai 2019 ist Heiko Uecker im Alter von 79 Jahren verstorben.

Heiko Uecker gehörte zur letzten Generation von Universitätslehrern, die noch die vielbeschworene ‚ganze Breite des Faches‘ repräsentierte und – ja, auch kapazitär bedingt – zu repräsentieren hatte, sowohl in der Lehre wie in der Forschung. Das Profil umschloss die mittelalterliche Literatur des Nordens ebenso wie die modernen skandinavischen Literaturen, von der Aufklärung bis in die Gegenwart, von der isländischen Dichtung bis zu finnlandschwedischen Romanen (was das Fach nicht erst im Nachhinein zu einer kleinen Komparatistik macht).

In der akademischen Biografie des nur wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 5. September 1939 in Nürnberg Geborenen spiegeln sich daher nicht zufällig die Veränderungen wider, welche das Fach Skandinavistik/Nordistik nach dem Krieg und insbesondere seit den 1960er Jahren erlebte. Stets historisieren, lautete einer der Leitsprüche des studierten Philologen, für den die Geschichte ein Hauptnebenfach wurde und blieb.

So prägte den akademischen Werdegang noch weitgehend die Beschäftigung mit dem Mittelalter, etwa in seiner Dissertation über altnordische Bestattungssitten in literarischer Überlieferung. In seiner Habilitation zum Wiener Psalter, einer frühen isländischen Psalmen-Übersetzung, zeichnete sich exemplarisch jene Breite ab, die eine des Interesses war, auch und gerade in der Beschäftigung mit religiös grundierten literarischen Gattungen und ihrer Wirkung – seien es das Kirchenlied oder auch die christliche Erbauungsliteratur im protestantischen Skandinavien.

Zugleich fiel die universitäre Lehrzeit in jene Jahre, als es mit der Ruhe vorbei war. Es kam 1968 – und es kam das Interesse an der Gegenwart, das der frischgebackene Assistent an der Universität Bonn (seit 1966) zunächst in der Lehre auslebte. Es kamen aber auch Ibsen, Hamsun und die Literatur des modernen Durchbruchs. Vor allem die Rezeptionsgeschichte der skandinavischen Literatur war in den 1970er Jahren wichtiger Antrieb und Motiv geworden, etwa wenn es um den Widerhall von Autoren wie Hamsun, Alexander Kielland oder Herman Bang in namhaften Romanen über deutsche Kaufmannsfamilien ging. Dem großen Dramatiker widmete Heiko Uecker verschiedene Aufsätze, dem großen Erzähler – nicht nur als solcher ein Unzuverlässiger – dagegen eine zweibändige Sammlung zur Hamsun-Forschung, die noch heute wesentliche Positionen dokumentiert. Mit ihr eröffnete Heiko Uecker, seit 1977 apl. Professor in Bonn, als Begründer und Herausgeber die inzwischen auf über 60 Bände angewachsene Reihe „Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik“ (im Peter Lang Verlag).

Das Politische am Ästhetischen betonte der erklärte Fan von Adornos „Ästhetischer Theorie“ gerne mit der Eigenständigkeit des Ästhetischen, was sich in einem Band zur skandinavischen Poetikgeschichte niederschlug. Etwa zur gleichen Zeit organisierte Heiko Uecker in Bonn eine Konferenz der Internationalen Skandinavistik-Organisation (IASS) mit nachhaltiger Wirkung zur Epoche der Aufklärung im Norden. Die Vorträge erschienen gebündelt im Jahr darauf, 1997, natürlich in der eigenen, sogenannten ‚Roten Reihe‘. Unerfüllt geblieben ist dagegen ein Projekt um die langjährige Beschäftigung mit dem intellektuellen Leitstern Georg Brandes und dessen Publizistik. In jüngerer Zeit hatten es ihm, der nicht müde wurde, neue Positionen wahr- und aufzunehmen, Fragen nach dem kulturellen Gedächtnis angetan.

Noch heute nimmt man seinen in der Sammlung Metzler erschienenen Band zur „Germanischen Heldensage“ mit Gewinn zur Hand. Eine auf die wichtigsten Autoren konzentrierte Darstellung der Klassiker der skandinavischen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart sucht – auch in der Prägnanz der Darstellung – bislang ihresgleichen. Nach der Jahrtausendwende, zum Abschluss seiner akademischen Laufbahn hat er noch einmal eine Überblicksdarstellung über die „Geschichte der altnordischen Literatur“ für die Reclam-Reihe verfasst. Nicht nur hier bemerkt man die Lust an der Sprache und das Vermögen zur zugespitzten Formulierung. Wovon handelt isländische Saga-Literatur? „Bauern prügeln sich.“

Immer wieder verknüpften sich biografische mit historisch-politischen Motiven: die Heirat mit der 2018 verstorbenen Norwegerin Kari Kristiansen, selber zeitweise Lektorin an der Bonner Universität, konfrontierte ihn mit den Verwerfungen – aber auch den glücklichen Wendungen – im Verhältnis von Deutschland und Skandinavien. Themen wie die Besatzungszeit in Norwegen oder das Tabu der sog. ‚Deutschenkinder‘ befassten ihn ebenso stark wie das Exil Willy Brandts in Norwegen. Ihnen hat er Vorträge und Tagungen gewidmet, und sie bestimmten wesentlich auch seinen Einsatz für die Deutsch-Norwegische Gesellschaft, von ihm in einer Zeit mitbegründet, als Bonn noch Hauptstadt der Bundesrepublik war (was ihm unter anderem den Willy-Brandt-Preis für Verdienste um die Deutsch-Norwegischen Beziehungen eintrug).

Vielen seiner Schülerinnen und Schüler – manche von ihnen heute in markanten Positionen innerhalb und außerhalb der Universität tätig – wird sein Oberseminar in Erinnerung bleiben, das er von einem Seminar für Examenskandidaten ‚umpolte‘ zu einem Ort (oder besser: zu einer Art Hort?) der theoretischen Neugier und der ästhetischen Reflexion. Vielleicht war es ja das, was ihm zunehmend wichtiger wurde und den größten intellektuellen Spaß bereitete: der Blick über den Tellerrand.

Am 30. Mai 2019 ist Heiko Uecker im Alter von 79 Jahren verstorben.
 

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